Eine wunderbare und vor allem hoch interessante Reise, die abgesehen von der stressigen An- und Abfahrt durchaus „Urlaubsqualität“ hatte, liegt hinter uns. Verständlicherweise konnte unser Umfeld nicht wirklich nachvollziehen, warum uns eine Reise nach Madagaskar zum momentanen Zeitpunkt gar nicht so begeisterte. Doch nach unserer fantastischen 8-monatigen Afrika-Durchquerung fühlten wir uns auch Zuhause gerade richtig wohl. Zur Erinnerung (ausführlich nachzulesen im Blog Vereinigte Arabische Emirate): Nachdem alle bekannten Wege, ein Transit-Visum durch Saudi-Arabien von den Emiraten aus zu erhalten, gescheitert waren, planten wir die Verschiffung unseres Landis in den Sudan. Um die zwei/drei Wochen, die die Verschiffung dauern würde, sinnvoll zu nutzen, entschieden wir uns im Dezember kurzfristig und ohne genaue Kenntnis der Insel für eine Reise dorthin, wo der Pfeffer wächst. Als uns von einem libanesischen Autohändler aus Deutschland dann doch zu 99% über seinen Bruder das Visum versprochen wurde, riskierten wir den Versuch – und buchten die Flüge um auf August. Stornieren war nicht möglich. Das Visum bekamen wir allerdings leider trotzdem nicht…

Die Vorbereitung auf die Gewürzinsel ließ uns schnell an unsere Grenzen stoßen. Viel zu spät stellten wir fest, dass die hinter Grönland, Neuguinea und Borneo viertgrößte Insel der Welt nicht nur riesig groß ist (etwas eineinhalbmal so groß wie Deutschland) sondern auch äußerst schwierig zu bereisen. Das Leihen eines Fahrzeugs ohne Fahrer ist fast unmöglich, die Straßenverhältnisse teilweise grenzwertig schlecht. So beschränkten wir uns auf wenige Highlights die wir sehen wollten – ganz oben auf unserer Liste standen dabei die goldigen Lemuren, die zu den Primaten gehören und mit über 100 Arten nur auf Madagaskar leben. Generell ist die Pflanzen- und Tierwelt auf Madagaskar fantastisch, ein Großteil endemisch und nur auf der Insel existent. Außerdem wollten wir den Tsingy-Nationalpark mit seinen Kalksteinnadeln besuchen, einer Famadihana (Fest der Totenwendung) beiwohnen und mit einem Dschungelzug durch den Urwald zur Ostküste fahren. Schon allein die Anreise zum Tsingy ist ein Abenteuer für sich, und wir merkten bald, dass wir bei lediglich 12 Tagen Reisezeit ohne einen teuren Inlandsflug nicht weit kämen. Während unserer Recherche stießen wir auf den deutschsprachigen Reiseveranstalter PRIORI aus Basel, der in der Hauptstadt Antanarivo ein Büro unterhält. Die Kontaktaufnahme war schnell und problemlos und aus unserer eigentlichen Vorstellung, lediglich Bausteine zu buchen, entwickelte sich schließlich der Plan, auch das Fahrzeug mit Fahrer über PRIORI zu buchen. Überzeugt haben uns letzten Endes die hervorragende Kommunikation und die guten Überarbeitungsvorschläge zu unserer vorgelegten Route. Um es kurz zu sagen: Durch unseren Fahrer Adolphe, dessen deutsche Tugenden Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit mit eigenständigem Denken gekoppelt waren, und der somit nicht nur Fahrer sondern auch englischsprachiger Guide und Mädchen für alles war, wurde die Reise tatsächlich zum Urlaub. Fast könnten wir uns daran gewöhnen, uns einfach nur in ein schönes geräumiges Auto zu setzen und durchs Land kutschieren zu lassen… ;-)

Die letzten Tage Zuhause vergingen wie im Fluge. Für das Packen blieb wenig Zeit, aber in die Rucksäcke passte zum Glück ja auch nicht so viel. Unsere Odyssee in die madagassische Haupststadt Antanarivo beinhaltete drei Flüge. Neben dem ja bereits  vorhandenen Flug von Abu Dhabi nach Antanarivo mit Aufenthalt in Nairobi mussten wir zunächst die Emirate erreichen. Wir entschieden uns für einen Flug nach Dubai, so dass wir dort noch ein Auto mieten mussten, um die Distanz von 150 km nach Abu Dhabi zurückzulegen. Die Wiedersehensfreude mit unserem „Lieblings-Emirat“ war groß, schnell besuchten wir noch Jumeirah-Beach, an dem wir auf der großen Reise insgesamt über eine Woche verbracht hatten und freuten uns an den Erinnerungen. Nachdem wir in Abu Dhabi endlich den Sky Parking gefunden und den Mietwagen zurück gegeben hatten, mussten wir eine lange und unbequeme Nacht am Flughafen verbringen. Der war es wohl auch geschuldet, dass wir am nächsten Morgen unsere Kameratasche unter der Sitzreihe stehen ließen und den Verlust erst unmittelbar vor dem Abheben des Flugzeugs merkten. Damit fehlten nicht nur Foto und Speicherkarte, auch das nagelneue Fernglas war weg! Verständlicherweise brauchten wir ein wenig Zeit, um unsere gute Laune wiederzufinden, doch schließlich fügten wir uns ins Unabänderbare, meldeten in Nairobi den Verlust und vergaßen als nächstes unseren Tagesrucksack… Diesen Verlust merkten wir immerhin noch früh genug, um ihn wiederzufinden. Nach nicht nur 6 sondern dem Zusammenlegen zweier Flüge geschuldeten 10 Stunden Aufenthalt und dem dritten Flug waren wir froh, endlich in Tana (landläufig die Abkürzung von Antanarivo) angekommen zu sein. Trotz der großen Bürokratie lief die Einreise zügig und gut organisiert ab:

  1. Fiche muss ausgefüllt werden
  2. Fiche wird gestempelt und Gesundheitsabschnitt ausgerissen
  3. Visamarke wird bezahlt (25 €)
  4. Visum wird erteilt
  5. Polizeikontrolle der Pässe mit vier Stationen innerhalb eines kleinen Schalters
  6. Geldwechsel und ATM
  7. Zollkontrolle (Blick in Pässe und auf Gepäck)
  8. Letzter Check von Pässen und Visa vor Ausgang

Unser Hotel für die erste Nacht hatten wir inclusive Abholung gebucht, worüber wir sehr froh waren, da wir mitten in der Nacht ankamen. In ca. 30 Minuten ging es durch autolose Straßen (obdachlose Menschen waren zuhauf auf den Gehwegen) in die Innenstadt zur alten Villa „Maison d´Hotes Mandrosoa), wo wir um halb vier nach 45-stündiger Anreise erschöpft ins Bett fielen. Ein leckeres Frühstück brachte am Morgen  unsere Lebensgeister zurück und gleich ging es wieder zurück zum Flughafen, diesmal durch verstopfte Straßen, durch die zum Teil kaum ein Durchkommen war. Noch waren wir relaxt, wähnten wir unseren Weiterflug an die Westküste doch um 13 Uhr, sodass es kein Problem war, erst um Viertel nach 11 Uhr anzukommen. Etwas wunderten wir uns, direkt zu der kleinen Propellermaschine durchgeschleust zu werden, die dann auch pünktlich um 5 nach 12 Uhr startete. Irgendwie hatten wir uns mit der Startzeit vertan… Der neutrale Beobachter mag sich wundern, wie wir es eigenständig und ohne fremde Hilfe von Karlsruhe nach Kapstadt geschafft haben, wir fragten uns das inzwischen auch. J Als uns dann unser Fahrer am Flughafen in Morondava abholte, waren wir erleichtert und konnten uns entspannt in die weichen Polster sinken lassen. Adolphe ist 54 Jahre alt und gehört in Madagaskar damit bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 55 – 60 Jahren zum alten Eisen, was man ihm aber nicht anmerkt. Seit 26 Jahren arbeitet er als Fahrer und kennt die Insel wie seine Westentasche. So konnte er uns auch viele gute Tipps für die Übernachtung geben, denn nur wenige Hotels hatten wir bereits im Vorfeld gebucht. Mit seinen beiden erwachsenen, studierten aber leider arbeitslosen Söhnen, seiner 18-jährigen Tochter, die gerade Abitur macht und seiner Ehefrau lebt er in einer 2-Zimmerwohnung. Dennoch gehört er mit seinem Einkommen auf Madagaskar zur Mittelschicht, was schon einmal einen kleinen Einblick in die Armut der Bevölkerung dieser wunderbaren, aber von einer der korruptesten Regierungen der Welt so kaputt gewirtschafteten Insel gibt.

Unser erstes Ziel führte uns über die weltberühmte und atemberaubende Baobab-Allee in den Trockenwald von Kirindy, wo sich eine Schweizer Forschungsstation befindet. Diese Unterkunft hat uns allerdings nicht sehr begeistert, trotz aller Zuschüsse für die Forschung, die man gerne gibt, war sie für das Gebotene einfach zu teuer. Unser Holzbungalow befand sich hinter einem alten, mit typischen erotischen Schnitzereien versehenen Grab der Sakalawa. Ein Nightwalk durch den Trockenwald mit einem etwas lustlosen Guide gab uns Einblicke in das nächtliche Leben der tagaktiven Lemuren, die einzig anhand der im Taschenlampenlicht leuchtenden Augen zu finden waren. Das größte Raubtier Madagaskars, der Fossa lief uns am Abend noch in der Nähe des Restaurants über den Weg. Das Tier von der Größe eines kleineren Hundes ist normalerweise sehr scheu. Der Fossa ist der einzige natürliche Feind der tagaktiven Lemuren, die nachts in den Bäumen schlafen, so dass der nachtaktive Räuber sie dort aufspüren kann. Am nächsten Tag ging es auf über eine schlechte Offroadstrecke in den Norden. Zwei Flüsse mussten mit Hilfe von Fähren auf abenteuerliche Weise überquert werden. Schließlich war Belo erreicht und wir fanden mit Adolphes Hilfe einen netten Bungalow im Orchidee-Hotel. Zwergfrösche in der Toilettenschüssel und Riesenspinnen unter dem Bett waren als Untermieter inbegriffen. Auch eine Beutelratte schaffte es ins Zimmer und versuchte an unsere extra aufgehängten Lebensmittel zu kommen. Beim Kauf der teuren Eintrittstickets und der Reservierung des noch teureren Guides kam erst einmal der kleine Schock: Er erbot sich, am kommenden Morgen auf dem Weg unsere Kletterausrüstung zu besorgen. KLETTERAUSRÜSTUNG? Wieder mal schlecht vorbereitet stolperten wir ins nächste Abenteuer, die Eroberung des großen Tsingy. Um es gleich vorwegzunehmen: Alle Aufregung war unnötig, der Klettersteig gut machbar und die Landschaft einfach nur toll. Zunächst ging es durch den Urwald, in dem wir neben den braunen und grauen Lemuren auch die wunderschönen weißen Sifakas mit ihren dunklen Gesichtern durch die Bäume toben sehen konnten. Eine kleine Manguste rannte über den Weg, der von Fossilien gesäumt war. Weiter ging es auf in den Kalkstein (Limestone) getriebenen Haltesteinen angeseilt über Felsen nach oben. Dort angekommen hatten wir eine traumhafte Aussicht bei strahlend blauem Himmel auf die spitzen Kalksteinnadeln, bevor es über eine Hängebrücke weiter den Grat entlang ging. Durch Höhlen kriechend und Steinkathedralen bewundernd gehörte diese Strecke auch zum Schönsten was der erfahrene Bergwanderer Michael je gesehen hat. Wir waren mehr als begeistert!

Den Nachmittag verbrachten wir am schönen Pool und erholten uns von der gar nicht so großen Strapaze. Leider hatten wir uns im Restaurant doch mal wieder etwas eingefangen, so dass wir die kommenden Tage wieder übervorsichtig beim Essen sein mussten. Die gleiche abenteuerliche Gelände-Strecke ging es zurück nach Morondava, vorbei nicht nur an zahlreichen neuen schön bemalten Grabstätten der Sakalwas sondern auch an verschiedenen Pannenfahrzeugen der rostigen Schrottautos, die die Gäste von Morondava in einer Zwei- bis Dreitagestour in den Tsingy bringen. Einmal mehr freuten wir uns an unserem schönen  und zuverlässigen Landcruiser. Nach einem Abstecher zum berühmten „Baobab d`Amour“ wieder in Morondava angekommen, bezogen wir ein neu renoviertes Zimmer an einem Hotel direkt am Meer und schmetterten am Strand in der untergehenden Sonne „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord…“. Ja, die Pest gibt es tatsächlich immer noch auf dieser Insel, seit 2010 sind bereits 500 Menschen dieser Krankheit erlegen. Neben dem oft schrecklichen Sterben, das sich in den meisten Fällen verhindern ließe, wenn die Menschen Zugang zum lebensrettenden Antibiotikum hätten, ist der Verstorbene auch durch die Ansteckungsgefahr durch die Flöhe von einem besonderen Totenkult ausgeschlossen, der im zentralen Hochland Madagaskars immer noch eifrig zelebriert wird – der Famadihana. Dieses Fest der Totenwendung war ein weiteres Highlight unserer Reise. Um die Stadt Antsirabe herum finden im madagassischen Winter von Juli bis September jeden Tag irgendwo diese Familienfeste statt. Dank unseres Adolphes konnten wir bereits an der Strecke eine solche Feier finden und daran teilnehmen. Dabei muss man wissen, dass die Madagassen, die zum überwiegenden Teil dem katholischen Glauben anhängen, einen ganz eigenen Bezug zum Tod haben. Der wird nicht negativ erlebt, da der Verstorbene nun das ewige Leben genießen darf. Aus diesem Grunde werden die Familiengrabstätten besonders schön und aufwendig gestaltet, verbringt der Mensch hier doch viel mehr Jahre als in seinem irdischen Haus. Alle 7 Jahre wird der Leichnam aus seiner Gruft geholt, in neue Tücher gewickelt und musikbeschallt durch das Dorf getragen. Dabei wird ihm alles berichtet, was sich seit der letzten Famadihana in der Familie ereignet hat, wo geheiratet oder ein Kind geboren wurde. Verwandte, Freunde und Dorfbewohner kommen zu der großen Feier zusammen, betrinken sich mit Rum und tanzen auf der Gruft um den Verstorbenen. Auch der bekommt seinen Anteil ab, indem der Inhalt der Flasche über ihn gespritzt wird. Die Madagassen freuen sich, wenn Weiße, die sogenannten Vazanas das große Fest beehren, nicht nur, weil sie ein Scherflein für die Kosten für Speis und Trank beitragen. Als Ehrengäste bekamen wir die zwischenzeitlich leere Gruft gezeigt und die in neue Tücher gehüllten eigentlichen „Bewohner“ vorgestellt. Auf dem Dach der Gruft wurde wild getanzt, und ich konnte mich der angetrunkenen Männer kaum erwehren, die mit mir über den Boden schweben wollten. Ein wirklich beeindruckendes Erlebnis, bei dem wir nur in freundliche Gesichter blickten und nach Herzenslust fotografieren konnten.

Die Landschaft veränderte sich zunehmend, glich sie zunächst einer Mondlandschaft, so wurde sie nun zunehmend bergig und wirkte fast toskanisch auf uns. Aus den einfachen Hütten im Westen der Insel wurden schöne, zum Teil zweistöckige Steinhäuschen. In Antsirabe angekommen, besuchten wir die Werkstätten von Steinschleifern. Zahlreiche Edel- und Halbedelsteine werden auf der eigentlich so reichen Insel gefunden. Auch die typisch madagassischen Mini-Fahrräder und –Autos, die aus alten Dosen gefertigt werden, konnten wir bewundern. Nach einem schönen Spaziergang um den nur wenige Kilometer entfernten Kratersee Lac Andraikiba verbrachten wir die Nacht im Hotel Prisme im obersten Stock mit traumhaftem Blick auf die umliegenden Hügel. Am nächsten Morgen wollten wir uns mithilfe eines Pusse-Pousse-Läufers (Rikscha) noch einmal auf die Suche nach einer Famadihana machen, doch hätten wir zu lange auf die Feierlichkeiten warten müssen, da die Gäste noch kilometerweit von der Gruft entfernt waren. Ein wenig rührte uns der alte Mann, der noch nie in einem Auto gesessen hatte und sich bei jedem Einsteigen aufs Neue den Kopf anschlug. Adolphe musste ihm immer wieder den Gurt anlegen, da er mit dieser Technik ebenso wenig klar kam wie mit der Fensterkurbel.

Von Antsirabe aus fuhren wir in Richtung Süden nach Fianarantsoa durch eine traumhafte Landschaft. Reisfelder, Hänge und liebliche Hügel lagen wie gemalt im Sonnenlicht. Die fleißigen Menschen beackerten in Handarbeit ihre Reisfelder, im besten Falle unterstützt von einem Ochsenpflug. Lehmziegel zum Hausbau wurden selbst gefertigt, zum Trocknen ausgelegt und am Wegesrand gebrannt. Im „Three Palms“ fanden wir eine einfache aber saubere Unterkunft und unternahmen mit Adolphe noch eine Stadtrundfahrt auf den Aussichtspunkt mit Blick auf die Stadt der 1001 Kirchen. Wann immer wir eine Kirche von innen betraten, fand gerade ein Gottesdienst statt und das Gotteshaus war prall gefüllt mit Gläubigen. Die Tickets für unsere Zugfahrt am nächsten Tag besorgten wir bereits am Nachmittag beim Bahnhof. Allerdings hätten wir darauf achten sollen, Plätze auf der linken Seite des Zuges zu bekommen, unser Ausblick auf der rechten Seite war nicht ganz so atemberaubend. Ein spezieller Touristenwagon war bis auf den letzten Platz gefüllt mit Franzosen, Portugiesen und einigen Deutschen. Pünktlich um 7 Uhr morgens startete die dschungelgrüne Schmalspurbahn und schnaufte über zahlreiche Brücken und durch noch mehr Tunnel gen Osten der Küste zu. An 18 Bahnhöfen wimmelten Hunderte von Menschen, um ein- und auszusteigen, Waren neu zu verladen oder Essbares zu verkaufen. Das Angebot änderte sich im Laufe der Zeit, je nachdem was die Ernte  gerade her gab. Besonders begeistert waren wir von den Pfefferverkäuferinnen, die in kleinen Tütchen die bunten Körner an den Mann oder die Frau brachten. Die meisten Menschen waren wieder ausnehmend freundlich, ließen sich gerne und ohne Gegenleistung fotografieren und bettelten nun selten. Viele der Dörfer sind nur durch die zweimal wöchentlich verkehrende Bahn mit der Außenwelt verbunden. Die Fahrt zog sich hin und aus der eigentlich auf 8 Stunden angesetzten Fahrtzeit wurden schließlich 15. Wobei wir hier noch Glück hatten, denn nicht selten hat der Zug eine Panne, so dass die Fahrt auch mal die ganze Nacht dauern kann. Um 22 Uhr kamen wir schließlich in dem Küstenstädtchen Manakara an, in dem uns unser Adolphe einen netten Bungalow mit Blick auf die dem Meer vorgelagerte Lagune gebucht hatte. Umsichtig wie er war, hatte er uns Obst gekauft, da um diese Zeit keine Restaurants mehr offen hatten. Auch ein Feierabendbier organisierte er uns noch, so dass wir zufrieden in die Betten fielen. Wir hätten uns kaum vorstellen können, mit welcher Kraft der Indische Ozean an der Ostküste Manakaras auf das Festland trifft. Baden ist hier praktisch unmöglich, eine Mauer schützt die Stadt vor den riesigen Wellen. In dem Küstenstädtchen blieben wir zwei Nächte, so dass wir Zeit hatten, die Gegend zu erkunden. Zunächst machten wir eine klassische Pirogenfahrt auf dem Pangalaneskanal, der mit über 600 km längsten Wasserstraße der Welt, die parallel zum Indischen Ozean nach Norden verläuft und die natürlich entstanden Lagunen miteinander verbindet. Fünf Ruderer sorgten unter dem Absingen fröhlicher Lieder für zügiges Fortkommen auf dem kristallklaren Wasser vorbei an Fischerdörfern und Palmen. Eine kleine Ölmanufaktur am Wegesrand besichtigten wir ebenso wie einen Chinesenfriedhof in traumhafter Lage. Den Nachmittag verbrachten wir faul auf der Aussichtsterrasse unseres Hotels in der herrlichen Sonne, bevor wir uns doch noch zu einem Spaziergang auf die nahe gelegene Halbinsel aufrafften. Zurück ging es dann mit einem Fahrrad-Pousse-Pusse, so dass wir auch diese traditionelle Fortbewegungsweise einmal hautnah erleben durften.

Am nächsten Morgen starteten wir schon früh zum Ranomafana-Nationalpark, in dem wir für mittags einen Guide gebucht hatten. Auf dem Weg hatten wir ein Erlebnis, das unseren bisherigen Eindruck der so friedlichen Madagassen empfindlich trübte und uns nachhaltig beschäftigte. Wir fuhren gerade durch ein Dorf, als wir einen Lieferwagen sahen, auf dem ein Mann auf das Dachgepäck gefesselt und dabei brutal mit Fausthieben traktiert wurde. Unser Guide teilte uns mit, dass das ein Dieb sei. Wir gingen davon aus, dass dieser nun zur nächsten Polizeistation gebracht würde. Doch weit gefehlt! Adolphe erzählte uns vielmehr, dass der Mann nun vom Mob getötet würde. Wir glaubten, uns verhört zu haben, doch dem war leider nicht so. Die Polizei auf Madagaskar sei so korrupt, dass ein Verbrecher nach Zahlung eines Bestechungsgeldes sofort wieder freigelassen würde. Wenn man das nicht wolle, müsse man den Menschen töten und die Polizei, die tatsächlich 500 Meter weiter an einer Straßensperre stand, schaute tatenlos zu – aus Angst vor dem Mob. Das sei zwar eine Schande für das Land, käme seit dem Putsch 2009 aber leider alle paar Tage vor. Manchmal würden die Menschen tot geschlagen, manchmal erstochen, bei besonders schlimmen Taten mit Benzin übergossen und angezündet. Für den Leichnam sei dann dessen Familie verantwortlich. Es verwundert sicher kaum, dass wir vollkommen schockiert und fassungslos diesen Ausführungen lauschten. Wir hatten zwar schon einmal in einem anderen Zusammenhang von Lynchjustiz auf Madagaskar gelesen, aber eine solche Grausamkeit hätten wir nicht für möglich gehalten. Offensichtlich stoßen die Menschen sich durch Stehlen selbst aus dem eigentlich sehr festen Zusammenhalt der Community aus und verlieren somit alle Bürgerrechte. Was es aber mit Menschen macht, die einmal getötet haben und was dies dann für dieses eigentlich so friedliche Volk bedeutet, mag man sich gar nicht vorstellen. An diesem Tag waren wir sehr still und konnten die Bilder kaum aus dem Kopf bekommen.

Nach der Ankunft im Nationalpark wanderten wir mit einem Guide des Nationalparks durch den sehr schönen Urwald. Leider bekamen wir nur sehr wenige Tiere zu Gesicht, lediglich ein freundlicher Lemur turnte in unmittelbarer Nähe eines Aussichtspunktes durchs Geäst, so dass wir doch wieder zufrieden waren. Im schönen Karibotel übernachteten wir in einem netten Bungalow, genossen den traumhaften Blick und luden unseren guten Geist Adolphe zum Abendessen ein. Auf einen weiteren Besuch im Nationalpark verzichteten wir jedoch und starteten am nächsten Morgen früh in Richtung Ambositra. Die Stadt ist bekannt für die wunderschönen Holzschnitzereien zahlreicher Bildhauer. Uns blieb genügend Zeit zum Bummeln durch Werkstätten und kleine Läden, um das vielfältige Angebot zu bewundern. Aus moralischen Gründen verzichteten wir auf den Kauf eines kleinen Souvenirs aus dem wunderbaren Rosenholz, obwohl es das schönste Holz ist, das wir je gesehen haben. Dennoch wollen wir den Raubbau an der Natur nicht unterstützen, denn Rosenholz ist streng geschützt. Seit dem besagten Putsch im Jahre 2009 sind jedoch zahlreiche Wälder abgeholzt und an skrupellose Chinesen verkauft worden. Regierung und Rosenholzbarone verdienen sich hier eine goldene Nase und rauben dem Land seinen Reichtum. Die Umweltschützer im Land haben es schwer, die Übeltäter zu überführen, die meist von höchster Stelle geschützt werden. Der junge Putschist, der das Land so ins Unglück gestürzt hat, betreibt inzwischen ein 40 Millionen-Hotel auf Dubai, lebt aber immer noch in Saus und Braus auf Madagaskar. Der zuletzt gewählte Präsident ist der ehemalige Finanzminister, ebenso korrupt wie sein Vorgänger. 40 Ministerien gibt es für die 23 Millionen Einwohner, jeder Minister muss dem Präsidenten 100 000 bis 250 000 Euro für sein Amt bezahlen. Dafür hat er dann ca. 12 bis 15 Monate Zeit, um diese Kosten wieder zusammen mit einem guten Gewinn herein zu bekommen – denn dann findet in der Regel eine Regierungsumbildung statt und der nächste Amtsinhaber plündert das Land aus. Man kann sich vorstellen, dass für seine eigentliche Arbeit hier nicht viel Zeit bleibt. Madagaskar hat in seiner langen Geschichte nie einen Krieg oder eine Naturkatastrophe erleben müssen, ist reich an Bodenschätzen und dennoch eines der ärmsten Länder der Erde, Tendenz fallend. Es ist eine Schande, wie skrupellose Geschäftemacher die Insel ausplündern. Als Reiselektüre sei jedem der hervorragende und kurzweilig geschriebene Erfahrungsbericht „Vaovao“ von Georg Jaster empfohlen, der von 2013 bis 2016 mit seiner Familie als Umweltjurist auf der Insel arbeitete. Jaster beschreibt mit viel Insiderwissen seine Erlebnisse auf Madagaskar.

Wieder durch die wunderschöne Landschaft führten uns die letzten Fahrstunden zurück in die Hauptstadt Antanarivo, wo wir uns schweren Herzens von unserem treuem Adolphe verabschieden mussten. Im „Relais de La Haute Ville“ fanden wir ein schönes Zimmer und genossen die Aussicht auf der Terrasse der alten Villa. Die Küche war hervorragend, so dass ich es endlich wagte, ein Zebu-Steak zu essen, eine Spezialität auf der Insel. Nach einem faulen Tag in der Sonne spazierten wir in die Stadt, die auf 12 Hügeln erbaut wurde. Überall führen Treppen hinab zum Zentrum. Entlang dieser Treppen leben die Ärmsten der Armen unter Plastikunterständen auf schlammigem Boden ohne Zugang zu Wasser oder sanitären Einrichtungen. Und nicht nur Männer vegetieren so dahin, ganze Familien müssen so leben. Dreckstrotzende Kleinkinder spielen im Morast, die Menschen tragen völlig zerlumpte Kleider. Uns war nicht ganz wohl auf diesem Weg, und wir waren froh, dass noch heller Tag war. Doch von überallher ertönte ein freundliches „Bonjour Madam!“, „Bonjour Monsieur!“. Offene Gesichter blickten uns wohlwollend an. Lediglich unten in der Stadt wurden wir von zahlreichen Bettelkindern belagert, die Geld forderten. Diese Kinder werden oft tageweise „vermietet“ und müssen dann die Miete und einen Gewinn erbetteln. Die Armut in der Großstadt ist erschreckend, zum Teil leben ganze Familien vom Müllcontainer einer Wohnanlage, der einmal in der Woche geleert wird. Lebensmittelreste, leere Plastikflaschen, Textilien – alles, was sich irgendwie noch verwenden lässt, wird heraus geklaubt. Den krassen Gegensatz hierzu bilden die zahlreichen teuren Geländewagen, die in Tana durch die Straßen donnern, rücksichtslos an den Obdachlosen vorbei ziehen.

Um 22 Uhr starteten wir in Richtung Flughafen, wo um 2.30 Uhr unser Flug nach Nairobi starten sollte. Doch kaum durch den Zoll hindurch gekommen, kam das böse Erwachen: Unser Flug war annulliert, kein Verantwortlicher von Kenya Airways vor Ort, niemand konnte uns eine Auskunft geben. Schließlich gelang es einer Mitarbeiterin von Air France herauszufinden, dass unser Flug auf den nächsten Nachmittag verlegt worden sei – womit unser Anschlussflug in Nairobi nach Abu Dhabi verpasst war. Uns blieb nichts anderes übrig als wieder zurück ins bereits bezahlte Hotelzimmer zu fahren, um wenigstens eine ruhige Nacht verbringen zu können. Am kommenden Tag dauerte es Stunden, bis wir unser Gepäck nach Abu Dhabi einchecken konnten. Da der Anschlussflug mit einer anderen Fluglinie war, war das Umbuchen ein höchst komplizierter Vorgang. Wie kompliziert,  mussten wir noch erleben. Endlich in Nairobi angekommen, wurden wir für die Nacht wenigstens in ein Hotel gefahren und bekamen Dinner und Breakfast. Doch dann begann das lange Warten: Für 10 Uhr morgens war unser Flughafenshuttle bestellt, es wurde halb elf, elf, es tat sich nichts. Um 14 Uhr sollte unser Weiterflug sein. Die nette Dame an der Rezeption tat ihr Bestes, telefonierte herum – der Shuttle-Bus hatte eine Panne! Ein anderes Taxi durften wir nicht nehmen. Um Viertel vor Zwölf schließlich kam der Ersatz-Shuttle und wir machten uns auf die 45-minütige Strecke zum Flughafen, wo wir eineinhalb Stunden vor Abflug völlig entnervt ankamen, um dann zu erfahren, dass Kenya Airways für uns zwar ein Ticket reserviert, aber nicht generiert hatte. So konnte kein Boardpass ausgestellt werden. Es blieben der Verantwortlichen genau 20 Minuten, um das Versäumte nachzuholen und wir waren unfassbar erleichtert, als wir die Boardpässe endlich in Händen hielten. Am Gate dauerte es dann abermals 10 Minuten, bis wir einsteigen durften, weil es wieder eine Fehlermeldung gab… Doch schließlich saßen wir im Flieger nach Abu Dhabi und konnten erschöpft aber froh die vorletzte Etappe unserer Heimreise in Angriff nehmen. Was wir sehr bedauerten war, dass wir unsere Reisebekannten Gerd und Jutta in Sharjah nicht mehr besuchen konnten, worauf wir uns so sehr gefreut hatten. Es reichte nur noch, mit dem Mietwagen einmal durch Abu Dhabi bei Nacht zu fahren und dann direkt den Flughafen in Dubai anzusteuern. Wenigstens der letzte Flug verlief problemlos, und wir freuten uns, nach zweieinhalb interessanten und aufregenden Wochen wieder zurück zu Hause zu sein.

Madagaskar - eine Insel mit einer einzigartigen endemischen Flora und Fauna. Insbesondere die Lemuren haben es uns angetan, die unglaublich schnell und geschickt durch die noch vorhandenen Urwaldriesen rasen. Aber wie kaum ein anderes Land leidet Madagaskar unter einer unfähigen, korrupten Regierung, die sich hemmungslos an den Reichtümern der Insel und der harten Arbeit der Menschen bedient. Teuerste Luxuskarossen rauschen an Menschen vorbei, die auf der Straße leben und auch heute noch an der Pest sterben. Die augenscheinlich so friedlichen Madagassen quittieren diese Politik mit einer Lynchjustiz die uns schaudern lässt. Madagaskar, kein Land für Afrika-Einsteiger, aber eine atemberaubende, einmalig schöne Insel.

Madagaskar 13. bis 30. August 2017
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