Das kleine Ruanda durchquerten wir fast nur als Transitreisende, so dass wir uns eigentlich kein Urteil erlauben dürfen. Dennoch haben wir natürlich einige interessante Eindrücke gewonnen.

Nur wenige Kilometer waren es vom ugandischen Kisoro zur Grenze. Ich stellte unser Tom-Tom-Navi ein und schmökerte dann im Reiseführer, um die Tour zu planen. Nach 15 Kilometern war die Grenze erreicht und wir mit Pässen und Carnet bewaffnet am Schalter, misstrauisch beäugt von schwer bewaffneten Soldaten. Die Frage des Officers "Where you go?", hielten wir für einigermaßen einfältig, schließlich standen wir ja an der Grenze. Dennoch antworteten wir natürlich freundlich: "Ruanda!". "Where you go?" - "Ruanda!". So langsam zweifelten wir an der Intelligenz des Beamten. Nachdem sich das Ganze noch einmal wiederholt hatte, sagte er: "Here is Kongo!" Oops, da waren wir doch 15 Kilometer in die falsche Richtung gefahren! Kleinlaut zogen wir wieder ab und verfluchten einmal mehr unser Navi, das nach einmaligem falschen Abbiegen schnell umgerechnet hatte und uns über die Demokratische Republik Kongo nach Kigali in Ruanda führen wollte...

Glücklicherweise hielt sich der Schaden jedoch in Grenzen und wir erreichten kurze Zeit später die richtige Grenze. Die Formalitäten waren schnell und sehr freundlich erledigt, niemand fragte uns nach Plastiktüten, die in Ruanda verboten sind und wir sicherheitshalber gut versteckt hatten. Auch wusste der Zöllner, wie man ein Carnet stempelt, was wahrlich nicht immer der Fall ist. Angenehm war, dass in Ruanda wieder Rechtsverkehr galt. Gleich fiel uns die gepflegte Landschaft auf. Jeder Quadratmeter war landwirtschaftlich genutzt, was einen bei einer Bevölkerungsdichte von 450 Menschen pro Quadratkilometer nicht verwundert. Hier muss jedes Fleckchen genutzt werden. Zum Vergleich dazu, in Uganda leben 188 Menschen auf einem Quadratkilometer, in Tanzania sogar nur 52! Wie in Nordwest-Uganda blickten wir auf die Virunga-Vulkane und fruchtbare Felder. Dazu kam eine wunderschöne Farbenpracht an Blumenrabatten und blühenden Bäumen. Ruanda wird auch "Land der 1000 Hügel" genannt, und diese Beschreibung passt zur gefälligen Landschaft. Allerdings wirkten die Menschen auf uns nicht so freundlich und offen, wie wir es von Uganda her kannten, kaum jemand lächelte. Auch erblickte man überall an der Straße ärmlich gekleidete Menschen. Unser Versuch einer gemütlichen Mittagsrast scheiterte kläglich, denn sofort waren wir umringt von zahlreichen zerlumpten Kindern. Frauen in bunten Tüchern blieben ebenfalls stehen, aber nachdem ich ihnen in Zeichensprache vermittelt hatte, dass wir nur etwas essen möchten, schlich sich ein Lächeln auf ihre Gesichter und sie nickten verständig. Sogar die Kinder schickten sie etwas weg, die aber sofort wieder näher kamen, nachdem die Frauen verschwunden waren. Es versteht sich von selbst, dass man nicht sein Brot verzehren kann, wenn abgerissene Kinder um einen herum stehen und um Geld betteln, sodass wir unsere Pause schnell abbrachen. Leider begleitete uns die Bettelei durch das ganze Land. Wo auch immer wir hielten, um ein Foto zu machen, kamen Kinder angerannt und fragten nach Geld. Tatsächlich ist Ruandas Wirtschaft auf einem guten Weg, die Anzahl der unter der Armutsgrenze lebenden Menschen sinkt beständig, aber dennoch sind noch 40% der Menschen von Armut betroffen. Im Gegensatz dazu fielen uns verhältnismäßig viele neue Mercedesse auf, schöne Häuser standen neben baufälligen Hütten in den Dörfern und Kigali wirkt als Haupstadt auf den ersten Blick sehr wohlhabend. Hier scheint es doch ein starkes Gefälle zu geben! Auffällig war im ganzen Land die verhältnismäßige Sauberkeit. Einmal im Monat gibt es einen Gemeinschaftstag, an dem von der Ministerriege bis zum einfachen Bauern jeder Einwohner "Community Work" betreibt. Auch die schönen Blumen werden gemeinschaftlich gepflegt, zum Teil in den Dörfern sogar Straßenbauarbeiten miteinander durchgeführt. Das Land ist gut organisiert, jeder Motorradfahrer trägt Helm – ungewöhnlich in Afrika. Viele Fahrradfahrer bevölkern die Straßen, häufig als Fahrradtaxis unterwegs, was in der hügeligen Landschaft echte Schwerstarbeit bedeuten.Tierherden sieht man keine herumlaufen, für diese wäre wahrscheinlich auch kein Platz. Kurz vor der Grenze zu Tanzania konnten wir eine gepflegte Rinderfarm sehen, die Tiere wurden in einem Offenstall gehalten, hatten aber nicht viel Auslauf.

In Kigali konnten wir einem sehr guten Tipp unserer "Overlander-App" folgen und durften vor dem Step Town Hotel campen. Hier wurden wir unglaublich freundlich empfangen und genossen bei einem eiskalten Bier den traumhaften Blick über das abendliche Kigali. Ein hervorragend sortierter Supermarkt der kenianischen Kette Nakumatt ließ keine Wünsche offen, war allerdings schwer bewacht. Die Fahrzeuge wurden vor der Einfahrt auf den Parkplatz von unten abgespiegelt, Türen und Kofferraum geöffnet. Beim vor uns fahrenden Auto wurden sogar zwei Gartenhacken einbehalten, war uns zunächst ein wenig übertrieben vorkam. Wenn man sich jedoch mit der jüngsten Geschichte Ruandas auseinandersetzt und weiß, dass vor 23 Jahren ca. 800 000 Menschen zum Teil von ihren direkten Nachbarn mit Werkzeugen und Gartengeräten bestialisch ermordet wurden, erscheinen diese Vorsichtsmaßnahmen doch wieder verständlich. Am Thema Genozid kommt man in Ruanda natürlich nicht vorbei, seit dem beeindruckenden Film "Hotel Ruanda" hat man einen kleinen Eindruck dieser grausamen Zeit gewonnen. So führte uns unser Weg natürlich auch in das "Kigali Genocide Memorial", einer 2004 eröffneten sehr ergreifenden Gedenkstätte. Schon jahrzehntelang bestanden massive Spannungen der unterdrückten Hutu-Mehrheit und der dominierenden Tutsi-Bevölkerung, geschürt durch die Kolonialmächte Deutschland und Belgien. Diese entluden sich im April 1994 nach dem Abschuss des Flugzeugs des ruandischen Präsidenten. Das Gemetzel wurde weitgehend ignoriert von der Weltöffentlichkeit. Die UNO, die mit Blauhelmsoldaten sogar vor Ort war, handelte viel zu spät, zog sogar Soldaten ab und sorgte lediglich für die Evakuierung europäischer NGOs. Nach deren Abreise gab es keine direkten Zeugen mehr und der Grausamkeit war erst recht Tür und tor geöffnet. Die ruandische Kirche blieb ebenfalls passiv, manche Kirchenvertreter machten sich gar mitschuldig am grauenvollen Völkermord, bei dem die Hutu-Mehrheit Tutsis und gemäßigte Hutus regelrecht abschlachteten, darauf bedacht, den Opfern möglichst viel Schmerzen zuzufügen. In diesen regelrechten Blutrausch ließen sich auch direkte Nachbarn und sogar Freunde hineinziehen, die ohne Rücksicht auf alte Verbindungen zuschlugen.

Es ist beeindruckend zu sehen, wie es das kleine Land geschafft hat, schon in relativ kurzer Zeit einen Versöhnungsprozess in Gang zu setzen. Dennoch sind natürlich noch zahlreiche Menschen hochgradig traumatisiert. Die sehr gut konzipierte Ausstellung und der Besuch der Massengräber, in denen 250 000 Menschen bestatten sind, blieb verständlicherweise nicht ohne Wirkung auf uns und tief bewegt machten wir uns auf nach Ntamara, In der kleinen Kirche des Ortes hatten über 5000 Menschen, vor allem Frauen und Kinder, Schutz gesucht und waren von ihren Mördern erschlagen wurden. Die kleine Kirche steht voller Särge, die die Gebeine der Opfer beinhalten, Schädel sind aufgereiht auf Regalen an der Wand. Auf dem Altar liegen die blutigen Werkzeuge der Mörder. Im April diesen Jahres sollen die Gebeine in neben der Kirche angelegten Massengräbern in einer feierlichen Zeremonie bestatten werden. Die liebliche Landschaft, die wir hier durchfuhren lässt nicht einmal erahnen, dass der gemütlich mäandrierende Fluss mit 10 000 verstümmelten Leichen gefüllt war. Der Held des eingangs erwähnten Films ist inzwischen umstritten, dennoch warfen wir einen Blick auf das ehemalige Hotel Ruanda, das heute "Mille Collines" heißt und zur Kempinski-Kette gehört.

Mit diesen beklemmenden Bildern im Kopf war unser kurzer Besuch des kleinen Staates Ruanda schon wieder beendet. Wir machten uns auf den Weg nach Tanzania, um in die Tierwelt der Serengeti einzutauchen.

 

Leider ist uns dort ein schlimmes Missgeschick passiert und unsere Original-Foto-SD-Karte verloren gegangen. Glücklicherweise hat Michael regelmäßig alle Bilder gesichert, sodass der Verlust einigermaßen verschmerzbar ist. Dennoch haben wir die Ruandabilder ebenso verloren wie unsere Serengeti-Bilder. Darum müsst ihr mit der schlechten Qualität einiger Handybilder vorlieb nehmen :-(

18 Ruanda - 1. März bis 2. März 2017
18 Ruanda - 1. März bis 2. März 2017
18 Ruanda - 1. März bis 2. März 2017
18 Ruanda - 1. März bis 2. März 2017
18 Ruanda - 1. März bis 2. März 2017
18 Ruanda - 1. März bis 2. März 2017
Zurück zu Home