Somaliland – ein Staat, den es nicht gibt und dessen Bereisen ein richtiges Abenteuer ist...

In Khartum hatten wir im German Guesthouse einige Italiener kennen gelernt, die seit 20 Jahren gemeinsam durch Afrika reisen. Einer davon war Fabrizio. Er berichtete uns von seiner Tour durch Somaliland und Djibouti im vergangenen Jahr. Als er damit anfing dachte ich: "Somaliland? Spinnt der? Man kann doch nicht nach Somalia fahren! Da herrscht doch schlimmste Anarchie! Terroristen, Piraten, etc." Doch schnell stellte ich fest, dass er nicht von Somalia sprach, sondern einem ganz anderen Staat. Google befragt erfuhren wir, dass Somaliland bereits1991 seine Unabhängigkeit von Somalia erklärte, um nach dem Sturz des Diktators Barré in Somalia nicht in die Unruhen verwickelt zu werden. Seitdem kämpft es vergleichsweise friedlich und demokratisch um internationale Anerkennung. Leider erkennt nur niemand diese Bemühungen an, afrikanische "Schurkenstaaten" fürchten, dass die Abspaltung Schule machen könnte. Lediglich Äthiopien unterhält ein Konsulat in der Hauptstadt Hargeysa und die Türkei hat 2013 sogar eine Botschaft eröffnet. Der Rest der Weltgemeinschaft möchte mit dem streng muslimischen Land eher nichts zu tun haben, auch das Auswärtige Amt warnt vor Reisen nach Somaliland, obwohl es seit 2008 dort keine Vorfälle gegeben hat. Dennoch war für uns sofort klar – da müssen wir hin!

Nachdem wir Florian und Annette wieder verabschieden mussten, verbrachten wir die nächsten Tage in Addis Abeba mit Visumgeschichten (siehe eigener Blog). Dann ging es endlich los nach Osten – nach Somaliland!

Die Erlebnisse auf der Strecke im Awash-Nationalpark und beim Hyänenmann in Harar werden im 2. Teil unserer Äthiopienerlebnisse beschrieben. Je weiter wir nach Osten durch das Gebiet der hochgewachsenen Somali fuhren, desto schlimmer wurde der Müll. 25 Kilometer vor der Grenze gab es einen Checkpoint in Gegenrichtung bei dem alle Insassen von Sammeltaxis und Bussen aufs Schärfste kontrolliert wurden, Leibesvisitation inbegriffen. Suchte man nach Waffenf? Befürchtete man Untergrundkämpfer der Somalischen Befreiungsfront, die immer noch im Untergrund dafür kämpft, dass der Regionalstaat Somali an Somalia angeschlossen wird? Wir wissen es nicht. Die Grenzformalitäten für uns verliefen jedenfalls ganz unproblematisch, wir mussten auf äthiopischer Seite lediglich die elektronischen Geräte zeigen, die wir beim Eintritt nach Äthiopien angegeben hatten. Auf Seiten von Somaliland war die Immigration ebenfalls schnell erledigt mit einem herzlichen "Welcome in Somaliland!". Nur das Carnet mussten wir erklären, aber das sind wir ja bereits gewohnt. Kontrolliert wurde nichts. Wir hatten im Netz gelesen, dass man in Somaliland eine SPU, eine Polizei- oder Militärbegleitung brauche, unser Italiener Fabrizio hatte hiervon nichts erwähnt. An der Grenze erhielten wir die Auskunft, dass bis Hargeysa keine Eskorte notwendig sei. Zahlreiche Checkpoints lagen auf der Strecke, jedes Mal ernteten wir sehr überraschte Blicke und Nachfragen, wohin wir denn wollten. Auch die Menschen in den Dörfern, die wir passierten, blickten uns ungläubig nach. Die Landschaft unterschied sich nicht wirklich von der in Äthiopien, auch die Menschen ähnelten denen im äthiopischen Regionalstaat Somali – was auch nicht wirklich verwundert, gehören sie doch der gleichen Ethnie an. In der Hauptstadt Hargeysa wohnen über eine Million Menschen, mehr als ein Drittel der Einwohner des Landes lebt hier. Die Stadt liegt auf 1300 Metern, umgeben von Felshügeln. Durch das Zentrum führt die quirlige Hauptstraße vorbei an einem martialischen Denkmal, einem russischen Mig-Jet, der 1988 von den Somalis abgeschossen wurde. Als Michael ausstieg, um ein Foto zu machen, wurde er von einem Mann beschimpft. Andere hielten diesen jedoch zurück und erlaubten das Foto, hießen uns in ihrem Land Willkommen. Dieses Erlebnis blieb symptomatisch für das Land. Die meisten Leute waren sehr freundlich und hilfsbereit. Dennoch gab es einige, die sehr unwirsch auf uns reagierten. Einige Männer zeigten uns gerne das zentrale Damal-Hotel mit bewachtem Parkplatz, in dem wir ein schönes geräumiges Zimmer bezogen. So gutes Internet hatten wir in ganz Äthiopien nicht gehabt! Schnell und nicht eingeschränkt. Auffällig war an der Eingangstür hier wie auch bei allen anderen Hotels das Verbotsschild für Waffen aller Art. Ein Bummel durch die Stadt geriet für mich dann allerdings doch zu einem kleinen Spießrutenlauf, da ich zweimal darauf hingewiesen wurde, nicht passend gekleidet zu sein, da ich kein Kopftuch trug. Außerdem waren wir nicht sicher, ob wir übers Ohr gehauen werden sollten – 3 $ für 1 Kilo Orangen erschienen uns absolut zu viel.

Die Häuser wirkten in der Hauptstadt deutlich wohlhabender als in Äthiopien, die Menschen machten einen geschäftigen Eindruck und schienen Arbeit zu haben. Dennoch war auffällig, dass viele Menschen extrem schlechte Zähne haben, die schon in der Jugend braun sind. Die Alten sind dann in der Regel ganz zahnlos. Mitverursacher ist hier neben dem Zuckerrohr, der Süßigkeit für die Kleinen, sicherlich die Droge Khat, die zumeist aus Äthiopien importiert, ununterbrochen gekaut wird. Dennoch ging mir das "Kopftuch-Erlebnis" ein wenig nach. Am nächsten Tag durfte ich dann aber ein sehr angenehmes und interessantes Gespräch mit einer jungen Frau führen, die für eine schwedische Firma Kosmetika verkauft. Sie ist eine der vielen erfolgreichen Somalis, die in ihre Heimat zurückkehrten, um das Land aufzubauen. Sie selbst kam vor drei Jahren wieder zurück. Ich fragte sie, ob es ein Problem sei, dass ich kein Kopftuch trage und sie versicherte mir, dass das überhaupt keines sei. Somaliland sei tolerant und aufgeschlossen, außerdem Religion Privatsache. Konservative Extremisten gäbe es überall! Worin ich ihr nur Recht geben konnte.

Unser erstes Ziel war nun das äthiopische Konsulat, in dem wir unsere Rückkehr-Visa beantragen wollten (Siehe Visumgeschichten). Wie dankbar wir noch für dieses Visum sein würden, konnten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnen...

Nun ging es auf die Strecke zu den Felsmalereien von Las Geel, dem Highlight unseres Abstechers in das Land, das es nicht gibt. Erst im Jahr 2002 waren die Höhlen von französischen Forschern entdeckt worden. 5000 Jahre alt sind diese am besten erhaltenen Felsbilder ganz Afrikas! Wir waren gespannt. Doch unser Forscherdrang wurde jäh gestoppt – am ersten Checkpoint, nur ca. 30 Kilometer außerhalb der Stadt. Gleich wurde nach unserer Genehmigung und vor allem der bewaffneten Begleitung gefragt, die wir beide nicht hatten. Den Hinweis des Rezeptionisten unseres Hotels, uns bei der Polizeistation zu melden, hatten wir natürlich ignoriert... Zurück wollten wir in keinem Fall und nach längerer Diskussion erklärte sich ein am Checkpoint "zufällig" anwesender Police-Officer bereit, uns für 20 $ zu nach Las Geel und Berbera, unserem nächsten Ziel am Meer, zu begleiten. Schnell wurde unser Notsitz wieder frei geräumt und schon hatten wir zum ersten Mal eine Kalaschnikow im Auto – es sollte nicht die letzte bleiben. Beim Abzweig nach Las Geel gab es das nächste Problem. Wir hätten den Eintrittspreis von zusammen 50 $ irgendwo in der Hauptstadt entrichten sollen, was wir in mangelnder Kenntnis natürlich auch nicht getan hatten. Glücklicherweise ließ sich auch dieses Problem nach einem Telefonat mit dem Chef beheben, so dass wir vor Ort bezahlen konnten und sich nun für die nächsten 7 Kilometer ein zweiter Guard auf den Notsitz quetschte. Der lohnte sich allerdings wirklich, denn er zeigte uns die fantastischsten Felsmalereien, die wir je gesehen haben! Menschen, Hunde und vor allem Kühe waren die Motive der Künstler im Neolithikum. Mit jeder weiteren Höhle wurden die Farben prächtiger. Eingebettet in die wunderschöne afrikanische Landschaft waren die Bilder unübertrefflich! Voller unglaublicher Eindrücke machten wir uns auf den Weg zurück zum Ausgangspunkt, wo wir den Wächter der Felsbilder wieder absetzten. Für uns ging es nun weiter in Richtung Berbera. Ein Mittagessenstopp brachte uns die unappetitlichen Tischmanieren der einfachen äthiopischen Bevölkerung noch einmal richtig nahe, davon abgesehen war der Officer jedoch ein angenehmer Begleiter. In Berbera angekommen, lieferte er uns bei einem Hotel ab, in dem wir jedoch nicht bleiben wollten. Die Zimmer waren niederster Standard, zudem gab es keinen bewachten Parkplatz, was der Mitarbeiter mit dem Hinweis abtat, dass Somaliland sicher sei. Warum wir dann für jeden Meter einen bewaffneten Begleitschutz brauchten, konnte er uns allerdings auch nicht erklären...

Nach längerer Suche wurden wir schließlich im Scandinavian-Hotel in Meeresnähe fündig. Das Hotel war uns von einem Deutschen empfohlen worden, der mit seiner Familie seit vier Jahren in Somaliland lebt und an der Universität lehrt. Der Eigentümer bot uns nicht nur einen sicheren Stellplatz auf dem Areal seines Hotels an, sondern verlangte nicht einmal einen Obulus. Der nette Nachtwächter kam regelmäßig zum Gebet vorbei, hatten wir unseren Stellplatz doch zufällig neben der "Moschee" gewählt. Den Rückweg nutzte er immer für einen kleinen Plausch und war ganz beeindruckt von unserer Reise. Ihn fragten wir auch nach dem weiteren Weg. Auf unserer Landkarte war eine weiße Straße entlang der Küste eingezeichnet, die nach Djibouti führen sollte. Der Wächter hielt die Strecke zwar für schwierig, aber machbar mit dem Landi und versicherte uns, dass es weder einer Begleitung bedürfe, noch überhaupt einen Check-Point gäbe. Frohgemut suchten wir am nächsten Tag also den richtigen Einstieg in die Strecke, was sich als gar nicht so leicht herausstellte. Doch nach mehrfachem Fragen bei Nomaden hatten wir den Eindruck, die richtige Piste gefunden zu haben. Natürlich kam nach wenigen Kilometern dann doch der erste Checkpoint und insgeheim erwarteten wir schon Schwierigkeiten, da wir ohne Begleitung unterwegs waren. Doch der freundliche Officer zeigte sich nur überrascht über unser Auftauchen, erkundigte sich nach dem Weg und ließ uns ziehen. Nicht anders verhielt es sich an den kommenden Checkpoints, so dass wir unsere Aufmerksamkeit der schwierigen Piste widmen konnten. Denn schwierig war sie, von einer Straße keine Spur! Immer wieder ging es durch Tiefsandpassagen und tiefe Gräben, durch Wadis, über Dünen, durch Kamel- und Pavianherden. Zweimal drehten wir um, um zu fragen. Schakale und Gazellen kreuzten unseren Weg. Nachdem knapp die Hälfte der ca. 200 Kilometer langen Strecke geschafft war, fuhren wir in ein Dorf. Vor uns befand sich wieder eine Absperrung, die in der Regel auf einen Checkpoint hinwies. Soldaten schauten – überrascht – ließen uns dennoch durchfahren. Dann plötzlich "Stopp!" - was wir zunächst ignorierten. Ein großer Fehler! Wir stellten nämlich fest, dass wir mitnichten auf unserer Piste sondern vielmehr in einem Militärlager gelandet waren! Und immer mehr Männer kamen auf das Auto zu, umringten es, forderten uns auf, auszusteigen. Einem Soldaten, der etwas Englisch sprach, schilderten wir unser Versehen, dass wir Touristen seien. Kein gutes Wort bei schlechten Englischkenntnissen, denn sofort hörten wir ein entsetztes "Terrorists!". Wir beschwichtigten, diskutierten, beruhigten, überzeugten. Der Chef stand mit finsterer Miene daneben, ließ sich nicht zu einem freundlichen Gruß oder Lächeln herab, wollte die Pässe sehen, war stinksauer. Er wollte immer noch, dass wir aussteigen, was wir jedoch nicht wollten, in Sorge, dann nicht mehr zu unserem Auto zu kommen. Die Lage spitzte sich zu! Nun hatte ich meinen großen Auftritt:

Michael: Man stelle sich die Situation vor! 15 Männer umstehen mit finsterer Miene unser Auto. Meine Frau beginnt mit wohlgesetzten Worten ihre Ansprache: "We are travelling from Germany to South-Africa by our car!" Alle 15 nicken. "We visit Somaliland - to tell the world! - Europe! - Germany! about Somaliland!" Alle 15 nicken. "About peace! - Liberty! - Freedom!" Alle 15 nicken, hängen an ihren Lippen und sind schwer beeindruckt.

Die Situation entspannte sich. Wir bekamen die Erlaubnis, weiterzufahren. Nur leider hatte dies niemand dem Soldaten an der Sperre mitgeteilt. Als wir wieder ausfahren wollten, schrie er uns an, wir sollen links ranfahren und aussteigen. Nach der ganzen Aufregung hatten wir dazu nun überhaupt keine Lust mehr und weigerten uns. Tatsächlich unterschätzten wir den Ernst der Situation. Denn auch dieser Soldat lächelte nicht, stattdessen brüllte er weiter, lud sein Gewehr durch und richtete es erst in den Himmel und dann auf uns. Nervös zuckte es zwischen Michael und mir hin und her. Glücklicherweise kam in diesem kritischen Moment einer der anderen Männer und bereinigte die Situation, in dem er die Sperre öffnete und uns anwies, schnell zu fahren. Ehrlich gesagt wurde mir erst im Nachhinein klar, wie brenzlig die Situation gewesen war. Noch nie hatten wir erleben müssen, dass jemand die Waffe auf uns gerichtet hatte.

Beim nächsten Checkpoint hielten wir dann brav an und stiegen aus. Nun mussten wir erfahren, dass es nicht erlaubt sei, die Strecke ohne Sicherheitsbegleitung zu befahren. Der Chef telefonierte mal wieder mit einem Vorgesetzten, reichte den Hörer weiter an Michael. Der verhandelte hart, weigerte sich, zwei Stunden auf eine Begleitung zu warten. Glücklicherweise konnte eine Lösung gefunden werden, indem einer der Soldaten uns bis zum nächsten Checkpoint begleitete. Dort wurden wir weiter gereicht an die nächste Begleitung. Die Strecke war inzwischen katastrophal geworden, da es auch noch angefangen hatte leicht zu regnen. Es dunkelte bereits, als wir endlich bei einer Zollstation ankamen. Wir beschlossen dort zu übernachten und uns am nächsten Tag auf die schwierigen letzten Kilometer zu machen. So hatten wir immerhin einen gut bewachten Schlafplatz direkt neben den Zöllnern. Wir waren sehr froh, als wir am kommenden Tag endlich den Grenzort Loyada erreichten. Nach kurzen Grenzformalitäten durften wir Somaliland verlassen. Unser Somalilandabenteuer war damit schon zu Ende und wir waren froh, wieder "draußen" zu sein. So gut uns Somaliland gefallen hat, so schwierig hatten wir es uns nicht vorgestellt. Reisen ohne Polizeischutz ist in diesem ach so sicheren Land fast nicht möglich, manche Straßen gibt es nur in der Karte und wir waren froh, dass unser Landi so gut durchgehalten hat. Zahlreiche Wracks zeugen davon, dass Pannenautos mangels Infrastruktur oft nicht geborgen werden. Und schließlich gibt es in diesem Land viel zu viele Waffen und ungebildete, oft zugedröhnte Khat kauende Männer, bei denen man nie so genau weiß, was als nächstes passiert. Dennoch möchten wir das Erlebte nicht missen und sind froh, dass wir den Abstecher gewagt haben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

13 Somaliland - 3. bis 6. Februar 2017
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