Äthiopien – ein Land der Gegensätze! Von 3500 Meter über bis -120 Meter unter dem Meeresspiegel, von fröhlichen zugewandten Menschen bis zu aggressiven Bettlern – noch ist es uns nicht gelungen, dieses Land wirklich zu fassen.

Die Ausreise aus dem Sudan verlief problemlos, auch die Einreise bei Metema lief freundlich und professionell ab. Allerdings wurde das Auto genau gecheckt und 30 km hinter der Grenze noch einmal jede Kiste und jede Tasche durch den Zoll kontrolliert. Möglicherweise hing das mit dem Ausnahmezustand zusammen, der immer noch besteht. Einen Nachweis über die Gelbfieberimpfung wurde trotz anders lautender Berichte ebenso wenig verlangt, wie eine Temperaturprüfung durch einen Arzt durchgeführt wurde. Die Prozedur zog sich allerdings dennoch in die Länge, da der freundliche Officer jedes technische Gerät an Bord aufführen musste – bei der Ausreise darf hier nichts zuviel oder zu wenig sein, außerdem waren genaue Angaben über das aufzusuchende Hotel und den Ausreiseort zu machen. Da wir Letzteren während der Datenerfassung änderten, musste er das ganze Blatt noch einmal von vorne ausfüllen... Doch schließlich war es geschafft, und wir waren in Äthiopien!

Sofort fielen die vielen Menschen auf, die neben und vor allem auf der Straße unterwegs waren, die meisten freundlich grüßend, doch auch das teils erwartete und teils befürchtete "jujuju" und "birrbirrbirr" (die äthiopische Währung) setzte sofort ein. Neben den Menschen befand sich auch jede Menge Getier auf der Straße, Kühe, Ziegen, Schafe, Esel... Offensichtlich wenig beachtet von ihren Hirten, doch dazu später mehr. Leider sind auch Hunde unberechenbar auf der Fahrbahn, so mussten wir mit ansehen, wie ein Hund direkt vor unseren Augen auf der Gegenfahrbahn von einem Auto erfasst wurde. Die Kleidung der Frauen war der deutlichste Unterschied zum Sudan, trugen sie doch zum Teil zerlumpte, oft jedoch sehr schöne Kleider und keine Kopftücher. Um sich dennoch vor der Sonne zu schützen, kamen Sonnen- oder noch häufiger zweckentfremdete Regenschirme zum Einsatz. Auffälliges Zeichen der in Äthiopien vor allem gelebten Religion des Christentums, waren die großen Kreuze, die die Frauen an einer Kette um den Hals trugen, häufig jedoch auch im Gesicht tätowiert – auf der Stirn, den Schläfen oder als "Bart" um das ganze Kinn herum. Die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche schreibt vor, dass jeder Gläubige ein Kreuz sichtbar tragen muss. Bei den Männern fällt dies meist etwas dezenter aus, doch getragen wird es! Schon auf den letzten hundert Kilometern im Sudan hatten sich die Wohnstätten der Menschen verändert. Rundhütten säumten den Weg, gebaut aus Eukalyptusstämmen und strohgedeckt. Diese Bauweise setzte sich nun fort. Unsere erste Station war "Kims Village", eine Oase der Ruhe in der fast jeder Overlander in Äthiopien zumindest für eine Nacht absteigt. Die Holländerin Kim hat mit ihrem Ex-Partner Tim ein Paradies in Gorgora am nördlichen Teil des Tana-Sees geschaffen. Neben schönen Rundhäuschen, die man mieten kann, gibt es auch eine Camp-Site unter einem riesigen Feigenbaum mit Blick auf den See. Leider hatten wir nur eine Nacht Zeit, genossen den Aufenthalt aber sehr – besonders auch Bier und Wein, die uns im Sudan dann doch etwas gefehlt hatten... Außer uns waren noch drei Franzosen anwesend, ein Urlauber und zwei Mitarbeiter einer französischen Firma, die Bewässerungsanlagen plant und baut. So kam beim gemeinsamen Abendessen eine nette Truppe zusammen. Overlander waren zwei Wochen zuvor zuletzt da gewesen, die Sorge um die politische Lage im Land hält doch viele Menschen davon ab, Äthiopien zu besuchen. Bevor wir uns auf den Weg nach Gondar machten, um dort Florian und Annette zu treffen, wollten wir aber noch ein besonderes Highlight in Gorgora besichtigen, Debre Sina. Sie ist eine der schönsten Rundkirchen Äthiopiens aus dem 14. Jahrhundert. Strohgedeckt mit pfeilergestütztem Umlauf, besitzt sie wunderschöne Malereien mit zumeist christlichen Motiven. In Gondar angekommen mussten wir beim schön gelegenen Goha-Hotel nicht lange auf die beiden Urlauber warten, die am Vortag in Addis angekommen waren und am frühen Morgen den Überlandbus nach Gondar genommen hatten. Die Freude war auf beiden Seiten riesig über das Wiedersehen! Am kommenden Morgen besichtigten wir den Palastbezirk Gemp der ehemaligen Kaiserstadt. Das kleine Wasserschloss Fasilidas war früher das Lustschloss des gleichnamigen Kaisers gewesen, der es laut Volksmund liebte, vom Balkon des Schlösschens ins Wasser zu springen. Zumeist ist der Graben aus Denkmalschutzgründen trocken, doch wir hatten das Glück, dass er für das Bad der Gäubigen beim bevorstehenden Timkatfest bereits befüllt wurde. Als nächstes standen die üblichen Verrichtungen in einem neuen Land auf dem Programm, darunter der Kauf einer Simkarte. Dies gestaltete sich – mal wieder – schwierig, dieses Mal, weil der Mitarbeiter die Karte zurechtschneiden musste, damit sie in das Micro-SD-Fach unseres Asus passte. Dummerweise verschnitt er sich – und die Karte blieb stecken! Dazu muss man wissen, dass bereits Michaels Tablet in Armenien kaputt gegangen, jedoch von Sabine repariert wieder mitgebracht worden war, und meines dafür im Sudan zersprang, sodass Sabine wieder eines mitnehmen musste. Das ließ sich alles managen, doch nur auf dem Asus läuft unsere Navigationssoftware "Locus" und darauf sind wir wirklich angewiesen! Michael hatte also eine nervenaufreibende Zeit beim "Computerexperten" der am Straßenrand den Asus auseinander nahm, um die Sim-Karte wieder zu entfernen. Zum Glück lief im Anschluss wieder alles wunschgemäß. Wir übrigen Drei verbrachten die Wartezeit in einem kleinen Café bei äthiopischem Kaffee und ebenso typischem Smoothie. Beim Beobachten der Straßenszene bemerkten wir einen Mann, der auf dem Bordstein lag, bewegungslos, einen Fuß auf der Fahrbahn. Die Menschen gingen achtlos an ihm vorüber, selbst eine Polizistin passierte ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Wir waren sehr erleichtert, als er sich irgendwann doch noch aufsetzte. Die Teilnahmslosigkeit der Menschen erschreckte uns dennoch.

Unser weiterer Weg führte uns nach Norden entlang der fantastischen Bergwelt unterhalb des berühmten Wolkefit-Passes. Die Straße, die 1930 von den Italienern während ihrer Besatzungszeit gebaut wurden, gehört zu den schönsten Bergstraßen Afrikas. Den Simien-Nationalpark ließen wir rechts liegen, da er zum einen sehr teuer ist, und wir zum anderen keine Zeit für ausgedehnte Wanderungen hatten. Mankei-Travel, von deren tollen Übernachtungstipps wir schon oft profitiert hatten, hatten eine interessante Übernachtungsalternative beschrieben, einen kleinen Parkplatz am Rande des Nationalparks mit traumhaftem Blick. Unsere ruhige Nacht wurde am Morgen von verschiedenen Touristenfahrzeugen beendet, die alle an diesem schönen Aussichtspunkt anhielten und neben der Aussicht nun auch unseren Landi nebst Dachzelt zu bewundern hatten. Als wir uns gerade zum Frühstück hinsetzen wollten, kamen zwei bewaffnete Ranger des Nationalparks, die nach unseren Tickets fragten. Wir ließen uns nicht beirren, schließlich befanden wir uns an der Nationalstraße und außerhalb des Parks. So saßen wir die Sache im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal aus. Doch die beiden ließen nicht locker und unsere Strategie, nicht zu verstehen, was sie wollten, scheiterte in dem Moment, als sie einen einheimischen Tourguide um Übersetzung baten. Wir stellten uns allerdings weiterhin auf den Standpunkt, nichts Unrechtes getan zu haben und weigerten uns beharrlich, zum 20 km entfernten Nationalparkbüro zurück zu fahren, um 100$ Eintritt/pP zu entrichten. Da der Prophet nicht zum Berg kam, kam der Berg schließlich zum Propheten und zwar in Person eines Verwaltungsbeamten des Parks. Wir diskutierten hin und diskutierten her und überzeugten ihn davon, dass auf unseren Karten der Nationalpark abseits der Straße eingezeichnet sei. Da teilte er uns mit, dass sich die Parkgrenzen inzwischen geändert hätten und der Parkplatz sich damit innerhalb des Parks befände. Sein größtes Problem war jedoch, dass die Gegend sehr unsicher sei, da Grenzgebiet zwischen den beiden Regionalstaaten Amhara und Tigray und damit Tummelbecken potentieller Aufständischer. Wir versicherten uns gegenseitig unsere Erleichterung, die Nacht ohne Probleme überstanden zu haben, und nachdem er auch seinen Chef telefonisch davon überzeugt hatte, dass wir keine Kenntnis von unrechtem Tun gehabt hatten, durften wir unbehelligt unserer Wege ziehen.

Nach einer weiteren Nacht auf der Strecke erreichten wir schließlich Axum, die ehemalige Hauptstadt eines der mächtigsten Reiche in der Geschichte Afrikas. Nach dem alten Ägypten und dem Reich Meroe (siehe Sudan) verfügte es über die am weitesten entwickelte Kultur auf dem Kontinent. Beim nach König Kaleb benannten Hotel fanden wir einen schönen Stellplatz im Garten. Hauptsehenswürdigkeit in Axum ist der sogenannte Stelenpark, ein Friedhof der vor- und frühchristlichen axumitischen Herrscher. Die Stelen reichen von einem Meter Höhe bis zu sagenhaften 33 Metern, allerdings ist dieser grandiose Monolith wohl schon beim Aufstellen zerbrochen. Was uns jedoch am 18./19. Januar besonders nach Axum geführt hatte, war das sogenannte Timkat oder auch Epihphanie. Bei diesem Festival handelt es sich um das Gedenken an die Taufe Jesu im Fluss Jordan und gleichzeitig die symbolische Erneuerung der Taufe im Allgemeinen. Die Feierlichkeiten beginnen mit der Prozession der Nachbildung der Bundeslade zum Taufbecken. Dazu muss man wissen, dass der Äthiopischen Orthodoxen Kirche nach die echte Bundeslade mit den Gesetzestafeln der 10 Gebote, die Mose von Gott erhalten hatte, von König Menelik I., Sohn von Königin Saba und König Salomon, nach Äthiopien gebracht wurde. Allerdings kann dies niemand überprüfen, denn die Bundeslade darf kein Mensch zu Gesicht bekommen mit Ausnahme des Wächter-Mönchs, der einmal ausgewählt, das Bundesladen-Haus nie mehr verlassen darf. Aber es stimmt natürlich auf jeden Fall! :-) Die Prozession war eine farbenfrohe Sache, obgleich die Gläubigen festliche Gewänder, Tücher oder Stolen in Weiß trugen. Die Priester hielten jedoch bunte und schön verzierte Sonnenschirme über ihren Köpfen, außerdem große festliche Kreuze. Die Gläubigen erhielten mit diesen den Segen und küssten die Kreuze hingebungsvoll. Am Morgen des 19. Januar stellten wir den Wecker bereits auf 5.30 Uhr, wollten wir doch schon um 6 Uhr bei dem Zelt sein, in dem nicht nur Hunderte von Priestern und Gläubigen betend, singend oder schlafend die kalte Nacht verbracht hatten, sondern auch die Kopie der Bundeslade. Müde kamen wir an und gesellten uns zu den Wartenden. Endlich ging die Sonne auf und das Trillern der Frauen gab das Signal zum Aufbruch. Wir folgten den Gläubigen nach außen zum riesigen Wasserbecken,  der Legende nach das Bad der Königin von Saba. Zahlreiche Menschen erklommen wie die Bergziegen den benachbarten Hügel. Wir warteten stundenlang in der Kälte während die Mönche und Priester in einer nicht endend wollenden Litanei ihre frommen Gebete sangen. Peinlich berührt mussten wir mal wieder die Spezies "Tourist" beobachten, die sich häufig ohne Scham zwischen die Betenden drängten und ohne Scheu mit der Kamera in die Gesichter hielten. Wir haben uns mehr als einmal vorgestellt, was in Deutschland los wäre (bedauerlicherweise waren es meist Deutsche...), wenn sich in einem Gottesdienst (dunkelhäutige) Menschen anderen Glaubens rücksichtslos durch die Kirchenbänke drängen würden, um die Gesichter der Gläubigen während des Vater-Unsers aufzunehmen... Zudem wurden für uns unverständlich zahlreiche Betende vom Militär abgedrängt, die Touristen allerdings in der ersten Reihe gelassen. Das lange Warten in der morgendlichen Kälte lohnte sich jedoch, denn endlich war es soweit – die Priester segneten das Wasser, indem sie die Kreuze eintauchten. Auf dieses Signal hatten die jungen Männer nur gewartet! Von allen Seiten sprangen sie in das schmutzigbraune Bad der Königin von Saba, füllten Flaschen und Kanister, die ihnen hingeworfen wurden. Volle Behälter wurden zurück geworfen und am Beckenrand über die Gläubigen (und die Zuschauer...) gespritzt. Alle sollten gesegnet werden! Wir machten uns schnell aus dem Staub, um nicht zuviel von der Brühe abzubekommen – für die Gläubigen hoffend, dass sie sich mit dem Wasser lediglich wuschen und es nicht tranken. Es war ein großartiges Spektakel!

Nach diesem wirklich beeindruckenden Erlebnis fuhren wir auf der N3 weiter durch Tigray in Richtung Nordosten – nahe an der Grenze zu Eritrea. Die Nähe zum Erzfeind, mit dem Äthiopien blutige Schlachten führte, erkennt man auch an der großen Mitlitärpräsenz. Außerdem ist die Kalaschnikow ein übliches Zubehör vieler Männer, deren Funktion sich uns nicht immer erschlossen hat. Eigentlich wollten wir – beziehungweise die Männer, denn Frauen ist der Zugang verboten – das Kloster Debre Damo besuchen, das sich auf einem unzugänglichen Berg befindet, so dass Mönch wie Besucher, an einem 14 Meter hohen Ziegenseil die steile Felswand hochklettern muss. Doch hier zeigte sich ein Ärgernis, das uns in Äthiopien dauerhaft verfolgt. Die Preise sind exorbitant hoch, allein für Hochklettern und Besichtigung hätten Michael und Florian je 300 Birr (ca. 15 Euro) bezahlen müssen, jede noch so kleine abgelegene Kirche, zu der sich wegen der schlechten Erreichbarkeit kaum je ein Tourist verirrt, kostet 150 Birr Eintritt. Wir sind mehr als einmal weiter gefahren, weil uns die Preise einfach zu hoch waren. Es gibt derzeit sowieso so wenig Menschen, die dieses großartige Land besuchen, dennoch haben sich die Preise in den letzten beiden Jahren teilweise sogar verdoppelt. Diese Preispolitik sollte dringendst überdacht werden! So zogen wir also weiter ohne dass sich die Jungs beweisen konnten, mussten jedoch grinsen, als vom Ziegenseil mehrere leere schön verpackte Bierkästen abgelassen wurden...Ein Abstecher führte uns zu verschiedenen Felsenkirchen, von denen wir uns allerdings nur die Mikael Malahi anschauten, die schöne Malereien aufwies.

Die Menschen, die in der Nähe von Eritrea leben, scheinen uns um einiges rauer zu sein, als der Rest der Bevölkerung. Kein Lächeln auf den Lippen, das Betteln der Kinder erheblich aggressiver. Möglicherweise hat der Bürgerkrieg diese Spuren hinterlassen, die sich auch durch Panzerwracks in Flüssen noch ganz leibhaftig zeigen. Der traurige Höhepunkt war ein Junge, der inmitten einer größeren Gruppe Jungs unterschiedlichen Alters, plözlich losspuckte und Florian am Arm traf. Michael trat auf die Bremse, der Junge gab Fersengeld, Florian hinterdrein den Berg hinauf. Natürlich war der Kerl überlegen, da er in dem unwegsamen Gelände jeden Stein kannte. Wir versuchten mit den anderen aus seiner Gruppe ins Gespräch zu kommen, ihnen klar zu machen, was von so einem Verhalten zu halten ist, doch vergebens. Sie unterdrückten nur ein Grinsen und eigentlich war ihnen das alles völlig egal. Hier wollten wir die Nacht nicht verbringen und waren froh, als wir in der Dämmerung noch einen wunderschönen Schlafplatz auf einer Waldlichtung fanden, bei dem wir ungestört waren und uns wieder sicher fühlten. Überhaupt wurde das ungeplant unsere Strategie bei der Schlafplatzsuche.Je später man dran ist, desto ruhiger ist die Nacht, da sich die Menschen bereits zu Hause befinden. Lediglich morgens erhielten wir Besuch meist von Kindern, zum Teil auch von Erwachsenen, die interessiert unseren Tätigkeiten zusahen. Allerdings war es eine traurige Regelmäßigkeit, dass kurz vor der Abfahrt grundsätzlich gebettelt wurde. Selbst adrett gekleidete Schülerinnen in Gegenden mit blühenden Landschaften, waren sich dafür nicht zu schade. Man muss wissen, dass der Norden Äthiopiens die Hochburg der deutschen und internationalen Entwicklungshilfe ist. Mehr als einmal haben wir uns gefragt, ob hier nicht gewaltig etwas schief läuft. Seit der großen Hungersnot vor 30 Jahren, in der nach mehrjähriger Dürre in Verbindung mit schrecklicher Misswirtschaft des Diktators Mengisto so schrecklich viele Menschen verhungert sind, wächst eine ganze Generation in der Gewissheit auf, dass ihnen von außen geholfen wird. Selbstverständlich gibt es zahlreiche Menschen, die dennoch ihr Leben in die eigene Hand nehmen und damit auch Erfolg haben. Doch haben wir den Eindruck, dass die meisten Kinder damit groß werden, dass ein "Ferenji", ein Weißer, mit einer Milchkuh gleichzusetzen ist. Das Betteln scheint bei vielen Menschen absolut automatisiert abzulaufen, zum Teil unglaublich fordernd, was uns dann auch irgendwann aggressiv machte. Wir denken, dass es wichtig wäre, bei den Eltern mit der Aufklärung anzusetzen und in der Schule weiterzumachen, dass die NGOs Forderungen an die Menschen stellen, dass es bei der Hilfeleistung wirklich um Hilfe zur Selbsthilfe geht und Ziel bleibt, dass die Menschen sich selbst versorgen. Es ist keine Frage, dass es zahlreiche Arme gibt, Behinderte, Alte. Denen geben wir auch immer etwas. Es ist aber nicht einzusehen, dass eine ganze Generation von Kindern zu Bettlern erzogen wird.

Wir durften allerdings auch wunderschöne Erlebnisse machen, mit denen wir überhaupt nicht rechneten. Als wir an einem Tomatenfeld ankamen, das gerade abgeerntet wurde, stieg Michael aus, um gleich direkt beim Bauern zu kaufen. Der packte ihm zwei Kilo in eine Tüte und wollte partout kein Geld dafür annehmen. Oder eine Obstverkäuferin trug uns noch Rausgeld zum Nachbarstand nach! All diese positiven wie negativen Erlebnisse trugen dazu bei, dass wir Äthiopien immer noch nicht richtig einordnen können.

Ganz anders war dann der erste Eindruck der Stadt Mekele! Die Unistadt wirkte wohlhabend, wozu sicher auch die Nähe des Hotspots Danakil beiträgt. Zahlreiche Profi-Radteams aus ganz Afrika scheinen hier ihr Höhentraining zu absolvieren, häufig sahen wir die gut ausgerüsteten Radler vorbeirauschen. Uns (oder vielmehr die anderen drei...) lockte ebenfalls die Danakil, auch bekannt als "Höllenloch der Schöpfung". Die Afar-Wüste ist eine lebensfeindliche Einöde, die Termperaturen steigen häufig auf über 50°C, sie liegt mehr als 120 Meter unter dem Meeresspiegel. Das Volk der Afar gilt als kriegerisch, sie leben noch absolut archaisch in traditionellen Gewändern, in Großfamilien, die Frauen werden nach wie vor beschnitten trotz des Einsatzes von Rüdiger Nehberg und seiner Organisation TARGET. Jeder Mann darf sieben Frauen haben, die dann wieder um die sieben Kinder in die Welt setzen. Der Staat finanziert die 50 Nachkommen, da die Afar eine wichtige Rolle bei der Bewachung der Grenze zu Eritrea spielen. Nichts darf in dem Gebiet ohne ihre Genehmigung passieren, auch an Expeditionen zum spektakulären aktiven Vulkan Erta Ale ("Berg der raucht") sind sie beteiligt. Der Autor Philipp Hedemann zitiert in seinem fantastischen Buch "Der Mann, der den Tod auslacht" einen Afar: "Das Militär ist doch nur ein Wachhund. Ein Wachhund bellt, wenn jemand kommt. Aber für die Sicherheit muss der Hausherr sorgen!". Die Sicherheit war auch uns besonders wichtig, seit vor genau 5 Jahren auf dem Vulkan eine Reisegruppe angegriffen wurde. Fünf Touristen starben, darunter zwei Deutsche, zwei weitere Deutsche und zwei äthiopische Begleiter wurden für zwei Monate verschleppt – die Hintergründe sind immer noch unbekannt. Natürlich hat die Regierung die Schuld Eritrea in die Schuhe geschoben. Seitdem gab es keine vergleichbaren Vorfälle mehr, allerdings wurden die Militärstützpunkte drastisch verstärkt. Da wollten wir also hin – mein mulmiges Gefühl hatte allerdings weniger mit der Sicherheitslage als mit der drohenden Anstrengung zu tun. Wer mich kennt weiß, dass Bergwandern nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört. 10 bis 17 Kilometer (die Zahlen unterscheiden sich drastisch) auf unebenem Vulkangeröll in drei Stunden den Berg hinauf erschienen mir nun nicht gerade erstrebenswert, zumal die gleiche Distanz nach wenigen Stunden Schlaf im Camp am Kraterrrand wieder abgestiegen werden muss. Dass es noch schlimmer kommen sollte, konnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen... Doch es half alles nichts, wir suchten in Mekele das Büro von ETT (EthioTravelTours), die Exkursionen in die Dankil ein wenig als Massenbetrieb, aber dafür finanzierbar anbieten. Als Selbstfahrer zahlten wir lediglich 200 $/pP anstelle der üblichen 500 $ für die Dreitagestour – all inclusiv unter völligen Komfortverzicht. Möchte man eine Tour selbst organisieren, muss man für das gesamte Sicherheitspersonal 3500,- $ hinblättern. Früh am nächsten Morgen sollte es los gehen, doch ganz afrikanisch mussten wir erst einmal eine Stunde warten, da der Flug von 15 Südkoreanern, die acht Länder in Afrika in vier Wochen bereisen, Verspätung hatte. Weiter waren in unserer Gruppe noch ein Pärchen aus Berlin und eines aus Irland. Als es endlich losging, fuhren wir erst einmal durch eine tolle Sandwüste und anschließend eine heftige Geröllstrecke auf Vulkangestein. Michael verdiente sich schnell den Respekt der anderen Fahrer und arbeitete sich mit dem Landi von der vorgegebenen fünften an die zweite Position vor (sie ließen ihn lieber vorbei...). Sobald der basaltische Schildvulkan in den Blick kam, konnte man zwei große Rauchsäulen erkennen, die von gehöriger Aktivität zeugten. Zumindest tat unser Guide kund, so etwas seit acht Jahren nicht gesehen zu haben. Im Camp angekommen, wurde schnell das Dinner serviert, bevor der anstrengende Aufstieg begann. Ich klapperte mit meinen Wanderstöcken in möglichst gleichmäßigem Rhythmus den Berg hinauf, nach anfänglichem Hinterherkeuchen bildeten wir vier gemeinsam mit den vier anderen Europäern die Vorhut. Die Koreaner ließen sich zum Teil auch mit Dromedaren den Vulkan hochschaukeln – die Blöße wollte ich mir nicht geben, auch wenn es ein kleines Bisschen verlockend war. Endlich kamen wir im Kratercamp an – in tiefer Nacht. Die Soldaten scheuchten uns vom direkten Weg zum Kraterrand fort, er war zu gefährlich. Wir stiegen ein Stück weiter, so dass wir einen ganz guten Blick auf den Kratersee hatten, der allerdings erheblich weiter entfernt war, als wir es uns erhofft hatten. Später erfuhren wir, dass sich dieser Magmasee erst in der Woche zuvor gebildet hatte, als Magma aus dem Krater herausgelaufen war. Während wir noch schauten, gab es plötzlich eine riesige Explosion im Vulkan, eine rotglühende giftige Wolke zog glücklicherweise an uns vorbei. Hektik kam auf. Die Koreaner wollten auf keinen Fall im Camp übernachten, auch einige Europäer in jedem Fall runter. Unser Guide war etwas überfordert mit der Situation, entschied aber schließlich sofort abzusteigen. Inzwischen war es Mitternacht geworden und wir hatten mindestens drei Stunden anstrengenden Marsches vor uns. Anfangs kamen wir noch gut voran, doch plötzlich ging es Michael immer schlechter. Er hatte schon den ganzen Tag Darmprobleme gehabt und jetzt schlug die Diarrhoe richtig zu. Die wunderbare rötliche Mondsichel, die vor dem Vulkan aufgestiegen war, interessierte ihn nicht mehr. Die Kilometer zogen sich, das Camp wollte gar nicht kommen. Meter für Meter schleppten wir uns weiter, bis wir um halb vier Uhr morgens endlich ankamen. Vollkommen erschöpft fielen wir auf unsere Schlafmatten, um nach drei kurzen Stunden Schlaf wieder aufzustehen. Dennoch war der Vulkan ein großes Erlebnis. Zwei Tage später trafen wir zufällig den Reiseleiter einer anderen Gruppe wieder, der uns berichtete, dass sie am Folgetag noch einmal am frühen Morgen aufgestiegen seien. Da sei der Vulkan richtig ausgebrochen, und das Magma bis ins Camp gelaufen... Nach dem frühen Aufbruch ging es am zweiten Tag unserer Tour wieder zurück durch Geröll, Sand und Asphalt bis wir den Salzsee Lake Afrera erreichten. Er weist einen ähnlichen Salzgehalt auf wie das Tote Meer und eingebettet von Palmen bot er regelrechtes Südseefeeling. Michael ging es leider noch gar nicht besser, so dass er der Ruhe pflegte, während Flori, Annette und ich zunächst ein angenehmes Bad nahmen, um anschließend das salzige Wasser in einer heißen Süßwasserquelle wieder abzuwaschen. Glücklicherweise war dieser Abstecher der einzige Programmpunkt des Tages, und wir erreichten bereits am frühen Nachmittag unseren Nachtplatz in einem Dorf. In einem Guesthouse wurden uns Schlafmatten auf dem Boden ausgebreitet und der Nachmittag diente je nach Laune Erholungsschlaf, Lesen oder Biertrinken und Tanzen in einer benachbarten Bar, was Flori und Annette mit anderen Reiseteilnehmern ausgiebig taten.

Am nächsten Morgen ging es dann mit frischen Kräften bereits um 5 Uhr auf die Strecke, Michael ging es glücklicherweise wieder erheblich besser, so dass er das Lenkrad wieder von Florian übernehmen konnte. Nach drei Stunden Fahrt durch die beeindruckende Landschaft erreichten wir den nächsten Höhepunkt der Tour: Dalol! Gelegen über 100m unter der Meeresoberfläche in der sogenannten Danakilsenke bilden sich hier in einer unglaublichen Farben- und Formenvielfalt Kristalle aus den aufsteigenden Wässern, die Mineralien aus dem anstehenden Gestein lösen. Nach diesem unfassbar beeindruckenden Naturschauspiel ging es weiter durch eine regelrechte Mondlandschaft zu den Yellow Bubbles, einem kleinen öligen See mit farbigen Geysiren. Ganz in der Nähe befand sich an der Asale-Senke der Salzabbauplatz der Afar, die seit Jahrhunderten große Salzblöcken von meterdicken Ablagerungen schlagen. Kaum zu glauben, dass sich das Salz immer wieder aus dem rund 70 km entfernten Roten Meer neu bildet., Mit Dromedar- oder Eselskarawanen werden die Salzplatten bis zum Rand des Hochlands transportieren, wo die wertvolle Last inzwischen in LKWs umgeladen wird. Ein Dromedar muss dabei bis zu 40 Platten a 5 kg tragen. Tatsächlich wird die schwere Arbeit unter der 50°C heißen Sonne inzwischen von Männern aus dem benachbarten Regionalstaat Tigray übernommen, die mit ihren Tieren zunächst 200 km anmarschieren. Die Afar verdienen nur noch daran. Ein riesengroßer schneeweißer Salzsee bildete den beeindruckenden Abschluss unsrer dreitägigen Expedition.

Fortsetzung bei Teil 1/2

 

 

12 Äthiopien Teil 1/1 - 14. Januar bis 31. Januar 2017
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