Armenien-über dieses Land wussten wir eigentlich nicht viel. Persönlich haben wir auch noch niemanden getroffen der dort war. Das armenische Volk hatte als erstes Volk der Erde das Christentum als Staatsreligion eingeführt. Wir waren gespannt, dieses verschlossene, geheimnisvolle Land kennen zu lernen.

An der Grenze zu Armenien musste ich zum ersten Mal das Fahrzeug verlassen, da die Passagiere eine Extrakontrolle absolvieren mussten. Die Schlange im Gebäude wurde immer länger und die Armenier drängelten ungeniert. Insgesamt war der Ablauf jedoch unspektakulär. Michael hatte da schon etwas mehr zu tun, der Zoll war schnell zufrieden, doch als Nächstes musste er eine Art Straßennutzungsgebühr über ca. 40 Euro für 15 Tage entrichten. Dafür erhielt er anschließend ein weißes Papier mit drei Stempeln. Dummerweise hatten wir nur zwei, sodass wir kurz vor der Ausfahrt noch einmal freundlich aber bestimmt zurückgepfiffen wurden, um uns den fehlenden zu holen. Wie strahlte der Beamte, als alles komplett war! Direkt nach der Grenze warten schon die Versicherungsvertreter, um uns für 10 Euro (ebenfalls für 15 Tage) eine Police fürs Auto zu verkaufen. Da keine Versicherung in Deutschland Georgien und Armenien versichert, ist dies auch ganz gut. In Georgien gab es solche Vertreter nicht, sodass wir dort keine Versicherung abschließen konnten und ganz froh waren, dass nichts weiter passierte. Bei dem gleichen Vertreter konnten wir auch gleich für 6 Euro eine Sim-Karte kaufen – angeblich mit unbegrenzten Datenvolumen, gültig für 10 Tage. Da hat uns der Typ allerdings übers Ohr gehauen, denn nach 200 MB ist täglich Schluss. Später erfuhren wir, dass das eigentlich eine Telefonkarte (Call) gewesen war und für das Internet (Data) eher ungeeignet. Unser erstes Ziel war der Sevansee in der Nähe von Eriwan, sodass wir einfach Strecke machen wollten.

Die Straße führte durch eine gebirgige Landschaft, erst faszinierend, mit der Zeit aber etwas eintönig, um nicht zu sagen bedrohlich, weil sich die Landschaft so gar nicht öffnete, sondern die schroffen Berge immer enger wurden. Die Dörfer wirkten sehr ärmlich, geprägt von hässlichen sowjetischen Häusern, grau in grau. Industriebrachen säumten den Weg, Fahrzeuggerippe verrosteten am Wegesrand. Wir fuhren nach unserer Karte und waren froh, dass die Städtenamen auch in lateinischen Buchstaben angeschrieben sind. Zweimal bemerkte ich ein merkwürdiges Straßenschild, das unseren ersten Zielort umleiten wollte – wir ignorierten es, was sich später als fataler Irrtum herausstellen sollte. Die Straße wurde immer schlechter. Zahlreiche Baustellen ließen uns immer wieder warten, da Geröll und Baumaschinen die Straße versperrte. Ganze Felsnasen waren abgesprengt worden und wurden von Raupenfahrzeugen mit ihren Schildern aus dem Weg geräumt. Doch die Menschen waren sehr freundlich und gaben sich Mühe uns nicht zu lange warten zu lassen. Doch plötzlich war Schluss! Wir standen in einem Dorf und die Straße war vor einem Tunnel absolut gesperrt. Unsere Nachfrage ergab, dass der Tunnel eingestürzt und damit nicht mehr passierbar war. Wir mussten viele Kilometer zurück und einen riesigen Umweg fahren. Später erfuhren wir, dass die Straße noch für weitere vier Jahre gesperrt sein wird. Glücklicherweise erbot sich ein Einheimischer, uns voraus zu fahren. Das war auch gut so, denn wir hätten die neue Strecke sonst nur schwerlich gefunden. Freundlicherweise schenkte er uns auch noch zwei quietschsüße Limonaden.

Der Sewansee wird auch „armenisches Meer“ genannt, ist er doch riesengroß. Auf einer kleinen Halbinsel besichtigten wir das Sewankloster. Wir hatten Glück, es war Gottesdienst, als wir an der Hauptkirche ankamen. Ein kräftiger Männerchor erfüllte die kleine Kirche. Auffällig waren die vielen jungen Männer, die dem Gottesdienst besuchten, hatten wir in Georgien doch vor allem ältere Frauen in den Kirchen gesehen. Das Wetter war wieder traumhaft, der Himmel erstrahlte in kräftigem Blau – und mit einem Mal tauchte er auf: Der Ararat! Ein majestätischer über 5000 m hoher Berg, die schneebedeckte Spitze in Wattewolken gehüllt. Ein grandioser Anblick. Der Legende nach landete an diesem Berg die Arche Noah und die Taube brachte einen Ölzweig zurück. Reste der Arche sollen immer noch am Berg zu finden sein. Doch für uns war er unerreichbar, gibt es doch von armenischer Seite keinen Grenzübergang in die Türkei.

Unser nächstes Ziel war der hellenistische Garni-Tempel, der – zerstört durch ein Erdbeben im 17. Jahrhundert - in den 60er Jahren wieder aufgebaut worden war. Ganz in der Nähe befindet sich eine regelrechte Oase, ein Übernachtungsplatz, wie er schöner nicht sein kann: Der von einer Holländerin geführte Camping 3 Gs (N40°08.268' E44°46.634'), der sehr liebevoll ausgestattet ist. Sandra hat dieses Paradies gemeinsam mit ihrem Mann Marty aufgebaut, der derzeit allerdings in Kasachstan in einem ökologischen Projekt arbeitet. Der Campingplatz, der auch über ein B&B verfügt, hat absolut europäischen Standard und Sandra hilft bei allen Fragen weiter. An den doch sehr kalten Abenden – auch Armenien hat eine Durchschnittshöhe von 1800 Metern, sind wir für einen Abend in einer Stube mit wärmendem Holzofen sehr dankbar. Dennoch wissen wir, wie froh wir uns schätzen können, liegt doch normalerweise Mitte Oktober hier schon Schnee.

Am nächsten Tag beschlossen wir mal wieder eine Land Rover Werkstatt aufzusuchen, hat unser Baby doch ein Problem– der Kraftstoffkühler tropft. Unser Landi-Doc Pat, ohne den wir aufgeschmissen wären – vielen Dank Pat J - stellt wie immer die Ferndiagnose. Doch leider hat die Werkstatt das tropfende Teil nicht vorrätig und möchte auch nichts zusammenschustern. So geben wir erst mal Kühlerdichtmittel zu, öffnen den Deckel etwas damit sich kein Druck aufbauen kann und beobachten das ganze. Nachdem wir die Hauptstadt Eriwan mit seinem Verkehrsgewühl endlich hinter uns gelassen haben, führte uns die M2 weiter nach Süden. Unser nächstes Ziel war das hübsche Khor Virap Kloster, gelegen direkt an der türkischen Grenze mit dem Ararat im Hintergrund. Heute zeigte er sich aber leider verschnupft und blieb hinter seiner Wolkenhülle. Die Straße verlief weiter entlang der Grenze zur Exklave Azerbaidschans, gut gesichert mit Stacheldraht und Schutzwällen, Bunkeranlagen waren in den Bergen auszumachen. Ein riesiger Militärkonvoi kam uns entgegen. Die Landschaft war dafür wieder traumhaft schön und eine spektakuläre Schlucht führte uns für einige Kilometer hinein in die Berglandschaft – bis zum Kloster Noravank. Einen schöneren Platz hätten sich die Erbauer kaum aussuchen können! Das Faltgebirge mit untypisch rotem Muschelkalk bot die reizvolle Kulisse für das wunderschön restaurierte Kloster mit einer doppelstöckigen Hauptkirche.

Unterhalb des Klosters trafen wir auf M-AX, einen MAN-LKW aus München mit einer fünfköpfigen Familie. Seit August sind sie schon unterwegs auf ähnlicher Strecke, allerdings viel langsamer, da ihre drei zum Teil schulpflichtigen Kinder tägliche Lektionen der Deutschen Fernschule zu absolvieren haben. Auf der Arabischen Halbinsel möchten sie überwintern und dann zurück durch den Iran weiter Richtung Osten bis in die Mongolei reisen. Es war sehr nett, mit Gleichgesinnten ein wenig zu plaudern, tatsächlich sind uns sonst noch keine deutschen Autos begegnet. Allerdings eine deutsche Busreisegruppe mit älteren Herrschaften, die aus dem Staunen gar nicht mehr rauskamen und fleißig Fotos von unserem Landi schossen.

Je weiter wir in den Süden kamen, desto unfreundlicher wurde das Wetter. Zum Teil fuhren wir stundenlang in den Wolken, es wurde immer kälter, sogar der erste Schnee fiel vom Himmel. Die Straße wurde immer schwieriger zu fahren, die ersten LKWs kamen ins Rutschen. Doch schließlich kam auf der Hauptstrecke der armenische Winterdienst vorbei: Ein LKW mit offener Ladefläche, auf dem zwei Männer standen und ein Sand-Teergemisch auf die Straße schaufelten! Auf über 2000 m Höhe und bei klirrender Kälte. Das hätten unsere Bauhofmitarbeiter mal sehen sollen… Wir waren nun aber auch froh um Mütze und Handschuhe als wir uns die Grabanlage von Zorats Kar anschauten, eine Sammlung großer aufrecht stehender Felsbrocken, zum Teil mit kreisrunden Löchern. Die Anlage weist Ähnlichkeit mit Stonehenge in England auf und soll angeblich noch älter sein. Unerforscht ist noch die genaue Verwendung, der Legende nach wurde sie als Observatorium genutzt und hat möglicherweise sogar die Astronomie in der Antike beeinflusst. Unser nächstes Ziel, die Höhlen von Goris, konnten wir nur aus der Ferne anschauen, da die Wetterverhältnisse es nicht zuließen, näher dran zu fahren. Die armenischen Schulkinder freuten sich wie alle Kinder über den ersten Schnee und machten eine Schneeballschlacht – Jungen und Mädchen aber immer streng voneinander getrennt. Leider war auch Armeniens Hauptsehenswürdigkeit, die „Wings of Tatev“ ziemlich vernebelt, dennoch genossen wir die Fahrt mit der längsten Pendelseilbahn der Welt zu einem wunderschönen Klosterkomplex. Viel gab es hier zu entdecken, das große Refektorium, die Küche, geheime Gänge und Terrassen mit wunderschönem Blick, geschnitzte Holztüren und vieles mehr. Zum Abschluss der vielen Kirchen und Klöster Georgiens und Armeniens, war das noch einmal ein richtiger Höhepunkt.

Nach der Besichtigung wollten wir uns soweit wie möglich der iranischen Grenze nähern und erklommen auf einer kleinen unbefestigten Bergstraße den nächsten Pass. Wir fuhren durch eine bizarr schöne Landschaft, ein richtiges Winterwonderland. Die Bäume waren weiß vereist, die Straße wurde immer schlechter und enger und wir waren einmal mehr beeindruckt, dass hier tatsächlich normale PKWs fahren können. Es wurde dunkel und als wir auf der Höhe von 1600m einen traumhaften schönen Stellplatz direkt an der Straße fanden, entschieden wir uns trotz der Kälte hier zu bleiben. Eine Quelle plätscherte fröhlich, eine Überdachung bot noch etwas Schutz und ein Teller mit ein bisschen Honig und einem Apfel stand auf dem Tisch. Daneben lag – leicht durchweicht – ein bisschen Papier, auf dem sich bei näherem Hinsehen Bibelsprüche auf Deutsch (!) befanden. Irgendwie ein magischer Ort… Ich ließ am nächsten Morgen ein Knoppers auf dem Teller zurück J. 0 Grad hatten wir in der Nacht und waren ganz schön froh um unsere Standheizung. Als wir am nächsten Morgen früh der Kälte geschuldet ohne Frühstück zusammenpackten, fing es an, in dicken Flocken zu schneien. Wir mussten noch einen Pass in 2535m Höhe überwinden! Glücklicherweise klappte das aber gut und wir konnten die schlechte Strecke durch eine wunderschöne Winterlandschaft problemlos meistern und uns bei wieder steigenden Temperaturen auf den spannenden Grenzübergang in den Iran vorbereiten.

Armenien, ein schmales enges Land mit Konflikten an den Grenzen zur Türkei und Aserbaidschan hat es nicht leicht. Zumal nach der Trennung von der Sowjetunion, die zahlreiche Industriebrachen hinterlassen hat. Die Menschen tun sich schwer, neues aufzubauen und neben einigen sehr reichen Armeniern gibt es viele einfache Menschen, die sich in den Alltag fügen. Die Armenier waren freundlich und das Land hat auch sehr viel sehenswertes zu bieten. Wir würden wieder hinfahren.

4 Armenien - 15. Oktober - 19. Oktober 2016
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